Uwe Timm – Heißer Sommer

Uwe TimmTitelbild Heißer Sommer

Uwe Timms Heißer Sommer habe ich im Januar im Rahmen eines Seminars zum Thema Literatur und Engagement um 1968 gelesen. Das Seminar befasste sich des Weiteren mit Texten von Sartre, Adorno, Walser oder Enzensberger und versuchte, die verschiedenen literarisch-politischen Diskurse in der damaligen BRD wiederzuspiegeln.

In Heißer Sommer geht es um den jungen Studenten Ullrich, der in München lebt. Ullrich ist unzufrieden mit sich und seinem Leben, das Germanistik-Studium erfüllt ihn nicht und von seiner Freundin Ingeborg trennt er sich. Auf der Suche nach einem Sinn in seinem jungen Leben kommt Ullrich in Kontakt mit der Münchner Studentenbewegung, die ihn schließlich auch in die Hamburger Szene führt. Ullrich scheint endlich einen Grund gefunden zu haben, morgens aufzustehen und stürzt sich in die studentische Widerstandsarbeit. Diese führt ihn zudem mit den verschiedensten Personen zusammen: da ist beispielsweise der wortgewandte Petersen, der erst Sprecher des SDS ist, sich später jedoch von der Bewegung abgrenzt und ein Arbeiterleben führt. Der radikale Conny, der am liebsten zur Waffe greifen würde, um seine Positionen durchzubringen. Oder Erika aus wohlhabendem Hause, die ihre politische Meinung je nach Liebhaber ändert und nie wirklich Stellung bezieht.

Zwischen all diesen verschiedenen Gestalten der Münchner und Hamburger Studentenbewegung befindet sich Ullrich. Begeistert geht er zu Demonstrationen und Kundgebungen, radikalisiert sich zunehmend. In der Szenekneipe Cosinus und im „Keller“ lernt er weitere Mitstreiter kennen, diskutiert und plant. Ullrich, der in seinem alten Leben in München ein antriebsloser, unzufriedener Mensch war, findet Beschäftigung und Befriedigung im Vollzeit-Aufbegehren.
Doch er ist auch ein selbstkritischer und reflektierender Mensch. Er sucht Zuflucht und Anerkennung bei der Studentenbewegung, beginnt jedoch, sie zunehmend zu hinterfragen und zu kritisieren. Nach dem rastlosen und unglücklichen Ullrich im ersten Teil des Buches und dem radikalen und aktiven Ullrich im zweiten Teil, lernt der Leser nun langsam den kritischen und nachdenklichen Ullrich kennen.
Letztendlich scheint ihm auch das Leben als radikaler Student nicht das zu geben, was Ullrich sich vom Leben erhofft hat. Als sich seine „Kommunen“-artige WG schließlich dazu entschließt, als vegetarische Selbstversorger auf einen Bauernhof zu ziehen (übrigens eine sehr unterhaltsame Episode des Buches), bricht Ullrich endgültig seine Zelte in Hamburg ab und macht sich auf den Weg zurück nach München, in sein altes Leben, welches er damals so überstürzt und unabgeschlossen zurückgelassen hat. Und auch die frühere Idee, Lehrer zu werden, erscheint ihm plötzlich gar nicht mehr so spießig…

Heißer Sommer ist ein moderner Bildungsroman, wie man ihn aus Klassikern wie Wilhelm Meisters Lehrjahre oder Demian kennt. Der Protagonist zieht hinaus in die weite Welt, erlebt Abenteuer in der Fremde und kommt schließlich doch wieder nach Hause zurück, um ein „ordentliches“ Leben zu führen. Unterstrichen wird diese Struktur auch durch eine klare Dreiteilung der Geschichte. Am Ende werden alle aufgenommenen Fäden wieder zusammengeführt und ergeben ein hübsches, rundes Gesamtpaket.

An Uwe Timms Roman ist nicht wirklich etwas auszusetzen: in sehr einfacher und klarer Sprache schildert er die Geschichte eines jungen Mannes in den späten 60er Jahren, der seinen Platz in einer sich wandelnden Gesellschaft sucht. Das Buch liest sich schnell und flüssig, nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn sicher und bequem durch die Geschichte.
Zudem finde ich es als Teil einer Generation, die die 68er höchstens als Woodstock-Hippies oder RAF-Terroristen kennt, sehr interessant und lehrreich, etwas über die damalige Studentenbewegung in Deutschland zu erfahren. Denn dies ist dem Roman ebenfalls nicht abzusprechen: es stellt die damaligen Ereignisse und die herrschende Atmosphäre authentisch und wirklichkeitsnah dar, skizziert die verschiedenen in der Gesellschaft herrschenden Positionen. Zugleich wahrt er aber auch seine Objektivität und drängt dem Leser keinen politischen Standpunkt auf. Vielmehr werden durch die kritischen Augen des Protagonisten hindurch die Vor- und Nachteile der damaligen Bewegung dargestellt.
Bedauerlicherweise wimmelt es in Timms Roman jedoch auch von Klischees und Archetypen. Es scheint, als stelle jede auftretende Person eine bestimmte Position dar. Der Konservative, die Mitläuferin, der meditierende Vegetarier, der Radikale, der Geläuterte – alle sind sie da und springen dem Leser förmlich entgegen. Die viel zu platte Darstellung einer vielschichtigen Bewegung ist hier eindeutig zu kritisieren und störte mich sehr beim lesen.

Insgesamt ist Uwe Timms Heißer Sommer jedoch jedem zu empfehlen, der sich fernab der Sachliteratur einen unterhaltsamen und kurzweiligen Eindruck der deutschen Studentenbewegung um 1968 machen möchte und keine zu hohen literarischen Ansprüche daran stellt. Sprachlich und stilistisch ist das Buch sicherlich kein Meisterwerk, doch die sehr athmosphärische Darstellung lässt den Leser schnell in die Geschichte eintauchen und bietet ein objektives, politisch ungefärbtes Bild der damaligen Zeit.

Timm, Uwe (2012): Heißer Sommer. dtv, München.
9,90€.

Bilder entnommen von: http://www.buecher.de

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