Tipp: Der Twitter-Krimi "Black Box" von Jennifer Egan

Nun hat also auch das Kurznachrichtenportal Twitter Einzug in die „altehrwürdige“ Welt der Bücher gehalten.

Aber die Zwitscher-Plattform dient hier nicht als literarischer Stoff (was ich auch mal interessant fände). Nein, sie ist vielmehr zum Medium geworden, und zwar für den neuen Roman der Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan.

In Black Box, einem Agentinnenkrimi, erzählt Egan die Geschichte einer jungen Frau, die auf einen mächtigen Mann angesetzt wurde um ihn zu bespitzeln. Es wird beschrieben, wie sich die Ich-Erzählerin eine neue Identität schafft, sich ihrem Objekt annähert und dieses umgarnt, um so an die wichtigen Informationen zu kommen.

Aber: Einen Roman lesen via Twitter? Wie soll das denn funktionieren?

Ganz einfach: mithilfe unzähliger 140-Zeichen-Tweets.
Wie genau das geht, zeigt uns seit dieser Woche @SPIEGEL_Rezens, der Rezensions-Kanal des Nachrichtenmagazins SPIEGEL Online. Zehn Abende lang wird hier der Roman Black Box in jeweils circa 60 Tweets veröffentlicht.

Schon bei der Veröffentlichung in den USA ging Egan diesen Weg, gemeinsam mit dem Magazin „New Yorker“. Die neuartige Form der Präsentation erregte viel Aufmerksamkeit und ebnete den Weg für wahrscheinlich viele weitere Twitter-Romane.

Ich habe die ersten Tweets von Black Box mitverfolgt und muss sagen: ein gewagtes, aber durchaus reizvolles Format. Die kurzen, pointierten Äußerungen (eine Mischung aus Ich-Erzählung, allgemeinen Aussagen und geheimdienstlichen Instruktionen) geben dem Geschriebenen eine Spannung, die man im Fließtext so nicht erzeugen könnte. Zudem wird durch die erzwungene Kurzform vieles gesagt, jedoch noch vieles mehr ausgelassen. Der Text ist komprimiert und auf das Wichtigste zugespitzt. Diese Reduzierung gibt dem Krimi ebenfalls von Anfang an eine spannungsvolle Atmosphäre.

Wer Krimis mag und nicht vor der neuartigen Leseform zurückschreckt, dem sei Jennifer Egans Black-Box-Experiment ans Herz gelegt.
Wer keinen Twitter-Account besitzt oder die traditionelle Form des Lesens bevorzugt: Den Roman gibt es natürlich auch als Buch zu bestellen.

///EDIT:
Nach Beendigung des Twitter-Romans muss ich sagen – ich hatte mir mehr erhofft. Wirklich viel passiert in Black Box nicht. Es gibt zwar eine gewisse Handlung, diese ist jedoch aufs Extremste gekürzt (was dem Kanal zu Schulden kommt). Dadurch entsteht natürlich in keinster Weise eine emotionale Bindung des Lesers an den Text. Es ist vielmehr eine Kurzgeschichte, die Schilderung einer Situation, denn ein wirklicher „Roman“.
Ich frage mich also, ob die Print-Ausgabe des Buchs ebenfalls nur aus den veröffentlichten Twitter-Textpassagen besteht. Wenn dies der Fall ist, wird das ein recht überschaubares „Büchlein“ sein: 60 Tweets à 140 Zeichen mal 10 Abende ergeben nunmal nur 84000 Zeichen – dabei heraus kommen magere 56 Seiten (in Word). Es ist also zu hoffen, dass Black Box in seiner Print-Ausgabe ein wenig ausschweifender ist.
Trotzdem hat mir die Idee des Twitter-Romans gefallen. Es war ein Experiment, der Versuch, Literatur in neue Kanäle zu lenken. Black Box wird sicherlich nicht der letzte Twitter-Roman bleiben.

Weiterlesen auf: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/twitter-roman-black-box-von-jennifer-egan-a-914814.html
Black Box als Buch: https://www.schoeffling.de/buecher/jennifer-egan/black-box

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s