Herman Koch – Odessa Star

Koch - Odessa Star

Fred Moormann ist siebenundvierzig Jahre alt und lebt mit Frau und Teenagersohn im zweitklassigen Amsterdamer Vorbezirk Watergraafsmeer. Seine Ehe läuft schon lange nicht mehr, sein Sohn verachtet ihn und die Gäste seiner Geburtstagsparty reden über nichts anderes als Putzfrauen und tilgungsfreie Hypotheken.
Fred ist gelangweilt, die Midlife-Crisis hat ihn erfasst. Er hasst die Menschen um ihn herum; zum Beispiel seinen arbeitslosen Schwager, der seinen Tag mit Puzzles und Meditationen verbringt und darüberhinaus die Kinder vernachlässigt. Oder Erik Mencken, der prominente Quizmoderator aus der Nachbarschaft, der höchstwahrscheinlich mit Freds Frau schläft. Doch am meisten hasst Fred Moormann sich selbst, da er Teil der spießigen Welt geworden ist, die ihn früher so abschreckte.

Glücklicherweise gibt es da Max G., der einfach eines Tages wieder in Freds Leben auftaucht. Seit frühen Schultagen bewundert Fred seinen alten Freund, der so draufgängerisch und selbstbewusst, so viel interessanter ist als alle Anderen.
Als sie sich zufällig im Kinofoyer über den Weg laufen, scheint Max nicht gerade begeistert von dem Wiedersehen zu sein, doch Fred gibt nicht auf und drängt sich immer vehementer in den Alltag seines alten Freundes hinein. Er erhält Einblick in Max‘ Leben – dieser ist mittlerweile ein knallharter, erfolgreicher Geschäftsmann, der seinen Reichtum offen zur Schau trägt. Schnell deutet sich jedoch an, dass dieser Reichtum nicht auf legalem Wege zu Max G. gekommen ist. Fred ist fasziniert, lässt sich mitreißen in eine Welt voller Luxus, Frauen und Gewalt. Als er Max schließlich von Frau de Bilde erzählt, der alten Dame, die seit vielen Jahren die Parterrewohnung seines Eigentumshauses blockiert, nehmen sich Max und dessen Freund Richard der Sache an und lassen die lästige Mieterin verschwinden. Fred ist verwirrt von so viel Skrupellosigkeit, findet jedoch nach und nach Gefallen daran – bis Max durchblicken lässt, dass diese kleine „Gefälligkeit“ nicht umsonst war…

„Odessa Star“ ist ein bissig und sarkastisch geschriebenes Buch, die Sprache ist schlicht, ehrlich, zeitweise sehr vulgär. Es ist bei weitem kein sprachliches Meisterwerk, reißt den Leser jedoch auf einer anderen Ebene mit.
Der Roman spielt mit dem Leser, gibt ihm immer nur häppchenweise Einblicke in Fred Moormanns Leben, in Form von kurzen Episoden, einzelnen Szenen, Rückblicken. Wir erfahren, wie Fred immer tiefer in Max‘ Geschäfte hineingezogen wird, wie er anfangs noch hin und hergerissen ist zwischen Faszination und moralischen Bedenken, Letztere jedoch sehr schnell fallen lässt. Wir erfahren auch, wie bei Fred eine Wandlung einsetzt, bekommen Einblick in seine Psyche – wie er über andere denkt, wie er selbst wahrgenommen werden möchte.
Es ist eine bösartige Freude, diese Wandlung mitzuverfolgen. Es stellt sich heraus, dass zwar Max G. in zwielichte Geschäfte verwickelt ist und auch vor mafiösen Praktiken nicht zurückschreckt, doch macht er immerhin kein Geheimnis daraus. Fred hingegen ist ein langweiliger, verkappter Spießer, über den der Leser erst nach und nach immer mehr negative Details erfährt: so trinkt er beispielsweise zu viel Alkohol, hegt Mordphantasien gegenüber seinem Schwager, bedroht seine Nachbarin mit einem Messer und wimmelt seinen ältesten Freund Peter am Telefon ab, als dieser ihm von seiner Krebserkrankung erzählt. Als die alte Frau de Bilde vermisst wird und sein Sohn sie tot in der Gartenscheune vermutet, erfüllt ihn dies mit kindlicher Abenteuerlust.
Nicht erst am Ende des Romans stellt sich die Frage, wer denn in „Odessa Star“ der wirkliche Bösewicht ist.

Trotz viel Gewalt und mehreren Todesfällen ist dieser Roman kein spannender Mafia-Thriller. Doch wer auf eine sarkastische, bösartige Art und Weise miterleben möchte, was dabei herauskommt, wenn organisierte Kriminalität und Vorstadt-Spießertum aufeinandertreffen und auch vor etwas derberer Sprache nicht zurückschreckt, der wird in „Odessa Star“ ein kurzweiliges Vergnügen finden.

Das Buch „Odessa Star“ habe ich für http://www.vorablesen.de rezensiert.
Es hat insgesamt 320 Seiten, erschien im Verlag Kiepenheuer&Witsch und kostet 19,99€ (gebundene Ausgabe).

Bild: http://cover.allsize.lovelybooks.de.s3.amazonaws.com/Odessa-Star-9783462045598_xxl.jpg

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