Peter Høeg – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Smilla Jaspersen ist eine Frau um die Dreißig, die Tochter einer Inuk und eines prominenten dänischen Arztes. Aufgewachsen in der ursprünglichen Natur Grönlands, die beherrscht wird von den unendlichen Facetten von Schnee, Eis und Meer, findet sich Smilla seit dem frühen Tod ihrer Mutter in ihrer neuen europäischen Heimat Dänemark nur schwer zurecht. Zu groß sind die Unterschiede in Tradition, Kultur, Denkweise und Wahrnehmung der Grönländer und Dänen. Smillas Inuit-Wurzeln separieren sie von den Menschen in ihrer Umgebung, die so ganz anders sind als sie selbst.
Nur einem Jungen in ihrer Nachbarschaft, Jesaja, ebenfalls Grönländer, gelingt es einen Weg in Smillas einsames Herz zu finden.
Als Jesaja eines winterlichen Tages tot neben dem Dach eines Lagerhauses aufgefunden wird, macht sich Smilla, getrieben von Trauer und Misstrauen, auf die Suche nach der Wahrheit. Denn mit dieser hat die Erklärung der Polizei – angeblich ein Unfall – nur wenig zu tun. Mit ihrem untrüglichen Gespür für Schnee und der Fähigkeit, diesen wie ein Buch zu lesen, stößt sie auf Spuren, die den dänischen Ermittlern entgangen sind. Nach und nach wird Smilla in einen Fall hineingezogen, der sich bis in die höchsten Kreise der dänischen Wissenschaftlerszene ausdehnt und sie und die Menschen in ihrer Umgebung in große Gefahr bringt.

Der Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, geschrieben 1992 von dem Dänen Peter Høeg, stand schon lange auf meiner Bücherliste. Dennoch sollte es bis zum Weihnachtsfest 2013 dauern, bis ich das Buch endlich in Händen halten, und weitere sechs Monate, bis ich es gelesen haben sollte.
Eingefangen wurde ich bei diesem Buch schließlich weniger von der Geschichte, die teilweise eher schleppend voran geht und mich mit den vielen auftretenden Personen oftmals auch verwirrt hat, als vielmehr von der einzigartigen Stimmung. Der Roman gilt als Krimi oder sogar als „literarischer Thriller“ (Zitat Klappentext), ist dafür aber sehr ruhig und unaufgeregt geschrieben.
Beeindruckend ist die feinsinnige Erzählweise, mit der Smillas Weg in der Ich-Perspektive geschildert wird. Thematisiert wird auf vielen Ebenen das Hin- und Hergerissensein der Protagonistin zwischen der Kultur der Dänen und ihren eigenen, grönländischen Wurzeln. Auch geht es um den grundsätzlichen Konflikt zwischen Grönländern und Dänen – letztere unterdrückten als einstige Kolonialmacht das Volk der Inuit. Dieser gesellschaftliche Bruch zieht sich durch das gesamte Buch, denn Smilla muss auch in ihrer Gegenwart nach wie vor gegen Rassismus und Diskriminierung seitens ihrer dänischen Mitbürger kämpfen. Dies tut sie jedoch auf eine ganz eigene Art und Weise – mit ihrem einzigartigen Charme, ihrer ruppigen Unangepasstheit und gleichzeitig unaufgeregten, zarten und verletzlichen Seite bahnt sich Smilla Jaspersen ihren Weg durch eine Gesellschaft, die jemanden wie sie mit allen Mitteln außen vor lassen möchte.

Alles in allem ist „Smillas Gespür für Schnee“ ein sehr hochwertig geschriebener und vielschichtiger Roman, der die unterschiedlichsten Themen in sich vereint: Wissenschaft, Politik, Spannung, Gesellschaftskritik und sogar eine leise, vorsichtige Liebesgeschichte.

Peter Høeg: „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, rororo, 9,99€€

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