Berger/Holler – Liköre & Ansatzschnäpse selbst gemacht

liköre/ansatzschnäpse

In diesem Eintrag widme ich mich einem Sachbuch, welches ich im Frühjahr 2013 in der Buchhandlung Osiander in Konstanz erstand. Es handelt sich hier um Liköre & Ansatzschnäpse selbst gemacht, ein Rezeptbuch für verschiedenste Liköre und Ansatzschnäpse und wurde herausgegeben von Franz Severin Berger und Christiane Holler.

Mittlerweile bin ich glücklicherweise dazu gekommen, einige der Rezepte auszuprobieren. Viele der Ansätze brauchen viel Licht und Wärme, und das Jahr 2013 hat uns leider bis vor ca. einem Monat mit beidem nicht wirklich verwöhnt.

Das Buch startet mit der „Wahrheit über den Zaubertrank des Miraculix“, einer kurzen und unterhaltsamen Einführung in die Geschichte des Likörs. Die/der LeserIn lernt hier, dass schon die Kelten die enthemmende und mitunter halluzinogene Wirkung starken Alkohols liebten und auch nutzten: sie legten Früchte und Kräuter in Hochprozentigem ein und brauten daraus Tränke, die sie vor kämpferischen Auseinandersetzungen zu sich nahmen.
Hier wird auf humorvolle Art und Weise eine Parallele zu den allseits bekannten Asterix und Obelix Comics gezogen, in welchen der Druide Miraculix vor jedem Kampf einen Zaubertrank braute, der die Gallier stark und furchtlos werden ließ.

Dieser lockeren Lehrstunde folgen einige grundlegende Informationen zur heimischen Likörerzeugung – Angaben über benötigtes Geschirr, Gefäße, Rohstoffe und Vorgehensweise. Dank dieser Einführungen kann wirklich jedeR LeserIn sofort in die Produktion einsteigen, was ich als sehr hilfreich empfinde.

Im Rest des Buches finden sich rund 50 verschiedene Rezepte zu Likören aus Früchten, Beeren, Kräutern, Gewürzen und Blüten, sowie einige Klassiker-Rezepte wie Magenbitter oder Zitronenwodka.

Am Ende findet zudem jedeR, der/die die heimische Likörproduktion genau auf die Jahreszeiten abstimmen möchte und Wert auf frische, optimale Ansatz-Rohstoffe legt, einen ausführlichen Ernte- und Ansatzkalender.

Die Rezepte im Buch sind sehr ausführlich beschrieben und geben zudem immer auch nützliches Wissen über den jeweiligen Rohstoff weiter. Bei der Verwendung von Bildern wurde leider etwas gespart. Die vorhandenen Abbildungen sind jedoch sehr hübsch und ausdrucksstark.
Die Ansatz-Mischungen werden stets mit verschiedenen Gewürzen und Zuckerarten verfeinert. Dabei ermuntern die Autoren jedoch immer, auch mit eigenen Aroma-Mischungen zu experimentieren.

Selbst angesetzt habe ich bisher einen Himbeer- (Bild unten) und einen Rhabarber-Likör. Mit den Ergebnissen bin ich sehr zufrieden und werde auf jeden Fall noch weitere Rezepte ausprobieren.

Dennoch empfehle ich jeder ambitionierten Kräuterhexe, sich in der Likör-Erzeugung nicht nur auf dieses Rezeptebuch zu beziehen. Die Rezepte von Berger/Holler spiegeln meiner Meinung nach die Fülle an möglichen Aromatisierungen nicht vollkommen ab, sondern spezialisieren sich auf Grundrezepte. Für den Einstieg ist dies sehr hilfreich, doch wer sich an etwas abwechslungsreicheren Mischungen wie Feige-Sahne, Amarettini-Kirsch oder Tannen-Honig-Likör ausprobieren möchte, sollte auch andere Quellen zu Rate ziehen.

Interessante und vielfältige Rezepte finden sich zum Beispiel in
– Hess, Reinhardt (2008): Liköre und Rumtopf. GU-Verlag, München
– Dr. Oetker (2008): Liköre. Dr. Oetker-Verlag, Bielefeld

…oder ganz simpel auf http://www.chefkoch.de. ;-)

 

Likör

Buch: Berger, Franz Severin/Holler, Christiane (2012): Liköre & Ansatzschnäpse selbst gemacht. Bassermann, Verlag, München.
Coverbild oben entnommen von: http://www.buecher.de (http://bilder.buecher.de/produkte/34/34510/34510939z.jpg)
Bild unten: Privat

Linus.

[Archiv – Studienarbeit 2011]

Linus. Meine Kindheit und frühe Jugend lässt sich heute am ehesten als außenseiterisch bezeichnen. Ich lebte mit meinen vielbeschäftigten Eltern in einem großen, alten Haus, welches sich schon seit mehreren Generationen in familiärem Besitz befand. Es ist eines dieser Häuser, wie man sie aus phantastischen Geschichten kennt; groß, alt, mit knarrenden Dielen und geheimen Türen. Dazu ein (für meine damaligen Vorstellungen) riesiger Garten, in dem knorrige Apfelbäume, alte Eichen und Wildblumen wucherten. In langen, vor Hitze schwirrenden Sommern streunte ich durch die unbewohnten Zimmer, durchforstete den Dachboden nach geheimen Schätzen oder spielte den Peter Pan, der sich im wunderlichen Garten mit den buntesten und skurrilsten Geschöpfen zu immer neuen Abenteuerexkursionen traf. Da meine Phantasie von jeher sehr lebhaft war, störte ich mich kaum daran, dass meine Eltern wegen ihrer Arbeit wenig Zeit für mich hatten und ich zu den Kindern in meiner Nachbarschaft nur wenig bis gar keinen Kontakt pflegte. Ich hatte mein Wunderland, in dem ich der Prinz war, umgeben von meinen Freunden.
Eines Tages trat auch Linus in mein Leben. Er stand einfach vor dem blauen Gartentor, von dem die Farbe schon abblätterte, als ich mit meinem Holzschwert in der Hand und einer alten Picknickdecke um die Schultern gerade durch das Unterholz des Gartens streifte. Sein lockiges Haar war kastanienbraun und glänzte warm in der Mittagssonne. Aus dem mit Sommersprossen übersäten Gesicht blickten mich große, braune Augen schüchtern aber neugierig an. Er sagte, er lebe nur ein paar Straßen weiter in der Kensington Road und habe mich schon öfter beim Spielen beobachtet. Die Straße kam mir bekannt vor, auch wenn ich dort nie gewesen war. Auch hatte ich ihn nie vorher gesehen, wenngleich mir sein aufsehenerregendes Fahrrad, welches bunt und leuchtend neben ihm am Zaun lehnte, mit Sicherheit hätte auffallen müssen. (Ich selbst hatte nur einen klapprigen gelbfarbenen Tretroller, und daher einen ausgeprägten Blick für die Gefährte der Nachbarskinder entwickelt, die ich neidvoll beobachtete wenn sie über den rissigen Asphalt brausten.) Trotz seines Fahrrads freundeten wir uns schnell an und spielten den ganzen Nachmittag im Garten. Urwaldexkursionen wurden bestritten, eine Riesenschlange, die sich um einen Baum schlängelte, bekämpft, und kurz vor Sonnenuntergang entbrannte ein hitziger Schwertkampf zwischen uns zwei Rittern, den Linus gewann, da mein Holzschwert zu Bruch ging. Lachend trennten wir uns als ich von Weitem Mutter hörte, die zum Abendessen rief. Als ich sie abends nach der Kensington Road fragte, blickte sie mich nur fragend an, um sich danach über das zerbrochene Holzschwert zu beklagen. Ich sagte, es sei bei einem Ritterturnier kaputt gegangen, doch sie lachte nur und regte sich darüber auf, dass ich es eines Tages schaffen würde, die Baumstämme im Garten mit meinen Kämpfen vollends zu zerstören.
Den ganzen Sommer lang traf ich mich mit Linus im Garten und wir erlebten die schönsten Abenteuer. Ich genoss es, endlich einen Freund zu haben, auch wenn er jedes Mal, wenn ich ihn zu mir ins Haus einlud, ablehnte, und immer floh, wenn wir Mutter oder Vater in den Garten kommen hörten. Doch stets hatte er einen guten Grund, und ich zweifelte nicht an seiner Ehrlichkeit.
Als ich Vater von Linus erzählte, nannte er mich einen träumerischen Narr.
„Dein Linus muss ja ein großartiger Freund sein“, sagte er und schnaubte. „Ein unsichtbarer Junge, der sich nicht einmal traut deinen Eltern vor die Augen zu treten, was? Du solltest endlich damit aufhören dir Freunde auszudenken, und erwachsen werden.“ Er wurde laut und schimpfte mich einen Phantasten und einen Nichtsnutz, bis Mutter ihn mit traurigem Gesicht beschwichtigte und ich weinend hinauslief. Als ich Linus von den Vorfällen berichtete schlug er vor, wir sollten unsere Freundschaft vor meinen Eltern einfach geheim halten und sie so zu etwas ganz Besonderen machen. Mit grimmiger Freude stimmte ich unserer Verschwörung gegen die Erwachsenenwelt zu und ich erzählte von da an meinen Eltern nie wieder ein Wort über Linus. Später einmal hörte ich sie darüber sprechen, dass es nun endlich vorbei sei mit der Träumerei. Sie dachten Linus existiere nun nicht mehr und ich freute mich, dass unser Geheimnis nie gelüftet werden würde. Denn ich wusste es besser und hütete unsere geheime Freundschaft wie einen Schatz.
Auch später, als wir selbst erwachsen waren, besuchte er mich noch ab und an. Er hatte sich fast gar nicht verändert; größer war er geworden, doch die wilden Locken und die großen, kindlichen Augen waren ihm geblieben. Seit ich nach meiner gescheiterten Beziehung mit Annie in eine neue Stadt und eine eigene Wohnung gezogen war, kreuzte er drei, vier Mal bei mir vor der Tür auf. Ich fragte mich, woher er wusste, wo ich wohne. Vielleicht hatte er ja doch noch Kontakt zu meinen Eltern aufgenommen? Ich jedoch habe bis heute keine Ahnung, wo er lebt.
Wenn er da war, tranken wir die ganze Nacht Gin, hörten Schallplatten und redeten. Am Morgen darauf wachte ich jedes Mal mit einem immensen Kater auf und fand mich allein auf dem Sofa. Auch konnte ich mich nie wirklich daran erinnern, was er von sich erzählt hatte, was aber wahrscheinlich am Alkohol lag. Er hatte die Angewohnheit, früh morgens ohne Abschied zu verschwinden, räumte aber wenigstens davor gründlich auf. Die Gläser und Flaschen standen ordentlich an ihrem Platz, die Schallplatten waren in ihren Hüllen verstaut, als sei nie ein Mensch hier gewesen. Ich fragte mich dann immer, wie es sein kann, dass ein Mensch sein ganzes Leben so flüchtig und ungreifbar bleiben kann.
Seit einigen Jahren ist Linus nun nicht mehr bei mir aufgekreuzt. Ich habe Anschluss in meiner neuen Umgebung gefunden, habe einen kleinen Freundeskreis und lebe in einer glücklichen Beziehung. Ich denke manchmal noch an ihn und frage mich dann, wo er sich wohl gerade herumtreibt. Denn Linus ist und bleibt mein Freund und ich werde ihn nie vergessen.