Friedrich Ani – Der namenlose Tag

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Vor zwanzig Jahren nimmt sich Esther Winther, ein 17-jähriges Mädchen aus dem Münchner Mittelstand, in einem Park das Leben. Sie erhängt sich, und obwohl an dem Seil unbekannte DNA-Spuren festgestellt werden, gehen alle Beteiligten von einem Selbstmord aus; Auch Jakob Franck, der damalige ermittelnde Kriminalkommissar.
Zwei Jahrzehnte später: Jakob Franck ist mittlerweile pensioniert, doch die Toten aus vergangenen Fällen besuchen ihn noch immer regelmäßig zu Hause. Er lässt es zu, auch wenn die Vergangenheit ihn zu einem einsamen Mann gemacht hat. Dann plötzlich steht Ludwig Winther, der Vater des Mädchens, vor Francks Tür. Er fordert neue Untersuchungen und ist davon überzeugt, dass seine Tochter damals kaltblütig ermordet wurde. Mit ruhiger und unaufgeregter Präzision beginnt Jakob Franck, die Vergangenheit von Esther Winther zu untersuchen und nimmt sich eine Person nach der anderen vor, die sich damals in ihrem Umfeld aufhielten. Es zeichnet sich ein Bild ab von einer eigenwilligen und rätselhaften jungen Frau, die nur wenige Menschen an sich heran ließ, sprachlosen Eltern, unausgesprochenen Konflikten, Schuldzuweisungen, Schweigen und Ratlosigkeit. Was wusste Esther Winthers Mutter, die sich ein Jahr nach dem vermeintlichen Selbstmord ebenfalls das Leben nahm? Basierte Esthers Tod eventuell nur auf einer Lüge? Oder sogar auf einem großen Missverständnis?
Für mich war „Der namenlose Tag“ weniger ein Krimi, sondern mehr ein sehr psychologischer und tiefgründiger Roman, der die Lebenswirklichkeit einer Familie widerspiegelt, die gefangen ist in ihrer festgefahrenen, passiven Ratlosigkeit. Jakob Franck, der pensionierte Kriminalkommissar, ist ein nachdenklicher, zunächst eher unscheinbarer Charakter, der sich von den Geistern der Vergangenheit nicht lösen kann und sich so über die Jahre in eine düstere und einsame Isolation begeben hat. Seine privaten Ermittlungen im Fall Esther Winther erfüllen ihn jedoch mit neuem Leben und lassen hoffen, dass sich der Charakter des Protagonisten in den kommenden Franck-Romanen noch weiterentwickelt. Die Sprache des Textes ist einfach, nüchtern und unaufgeregt. Sie passt sich dem Inhalt der Geschichte an, die lange Zeit vor sich hin plätschert, jedoch gegen Ende intensiver wird. Man merkt, dass Friedrich Ani sein Handwerk beherrscht – kein Wort, kein Satz sind unnötig oder überflüssig. Diese minimalistische Schreibweise, die ihr Ziel nicht verfehlt, zeugt von großem Können, ist jedoch leider persönlich nicht mein Fall.
Die Geschichte hat mich nicht vollends mitgerissen, für einen Krimi kommt die Erzählung meiner Meinung nach zu zögerlich in Gang und braucht lange Zeit, um sich zu verdichten. Jakob Franck stolpert durch verschiedene verwirrende Begegnungen und Gespräche, muss den Zeugen jede Information aus der Nase ziehen. Vieles führt ins Leere. Der/die Leser/in erlebt dies mit, was mitunter etwas anstrengend ist. Die Auflösung am Schluss kommt hingegen fast überraschend.
„Der namenlose Tag“ ist ein stiller, langsamer Kriminalroman, der nachdenklich und melancholisch stimmt. Er baut nicht auf Spannung oder Aktion auf, sondern konzentriert sich statt dessen auf die tragischen und oftmals unerklärbaren Dinge, die das Leben mit sich bringt. Ein Zitat am Ende bringt den Grundtenor des Romans gut auf den Punkt, als Jakob Francks Ex-Frau zu ihrem alten Gefährten sieht und sagt: „Du willst, wie es deinem Beruf entspricht, am Ende immer ein Geständnis haben. Aber manchmal, scheint mir, gibt es nichts zu gestehen, nur zu erkennen.“

Friedrich Ani, „Der namenlose Tag“, Suhrkamp 20,60€

Bild: http://derstandard.at/2000020748317/Friedrich-Ani-Tapetentueren-und-Verliese

Zwischenstand der „2015 Reading Challenge“ – Teil 2

…und hier kommt der zweite Teil meines Zwischenberichts zur „2015 Reading Challenge“:

(zum ersten Teil geht’s hier)

[x] a book that scares you: Ein Buch, das Angst hervorruft – diese Aufgabe hielt ich für etwas kniffliger als manch andere auf der Liste. Sicher, Bücher können beklemmen, verunsichern, einem einen Schauer über den Rücken jagen…aber richtig Angst einflößen? Das schaffen wohl nur wenige. Einen Autor, den ich dafür als geeignet hielt, ist Stephen King. Zufällig stieß ich bei Spotify auf ein Hörbuch von ihm, namens „Das Mädchen“. In dieser Geschichte geht es um die neunjährige Trisha, die gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder eine Wanderung unternimmt. Als sie pinkeln muss, verlässt sie den Wanderweg und verläuft sich kurzerhand im Wald. Die anderen haben von Trishas Verschwinden nichts mitbekommen, und so ist das junge Mädchen bald mutterseelenallein in der Wildnis. Tagelang irrt sie hilflos durch das Dickicht, Hunger, Durst und den Mücken und Tieren ausgesetzt. Und da ist noch etwas…jemand…der sich ihr als der „Gott der Verirrten“ vorstellt…Fazit: Ich habe noch nicht allzu viele Bücher von King gelesen, dieses jedoch hat mir sehr gut gefallen. Das Buch schafft wahrlich eine Atmosphäre der Angst und Verzweiflung und ich wurde beim hören immer mehr in Trishas aussichtslose Situation mit hineingezogen. Das Auftauchen des „Gottes“ verstärkte die surreale und beängstigende Atmosphäre. Wirkliche Angst habe ich wahrscheinlich nicht empfunden, aber ein wohliges Gruseln hat mir dieses (Hör-)Buch auf jeden Fall beschert.

[x] a book with a color in the title: Eine Farbe im Titel findet sich bei dem Buch „Die rote Katze“ von Robert Brack alias Virginia Doyle. Die Geschichte spielt 1903 auf St. Pauli und handelt vom Seemann Heinrich Hansen, der nach langer Zeit auf See in seine Heimatstadt zurückkehrt. Er heuert bei der örtlichen Polizei an und wird kurz darauf schon in seinen ersten Fall verwickelt: eine Tänzerin wird kurz vor ihrem Auftritt erdrosselt in ihrer Garderobe aufgefunden. Eine spannende Suche nach dem Mörder beginnt, bei dem Heinrich immer wieder auch in seine eigene Vergangenheit auf St. Pauli zurückgeworfen wird. Fazit: ein unterhaltsamer historischer Krimi, der die Lebenswirklichkeit St. Paulis zur Jahrhundertwende authentisch und vielschichtig wiedergibt.

[x] a book that made you cry: Tana French die Zweite: vor kurzem las ich einen weiteren Titel meiner Lieblings-Krimiautorin – „Totengleich“. In diesem Roman geht es um die Polizistin Cassie Maddox, die zu einem Fall gerufen wird, bei der das Todesopfer ihr auf erschreckende Weise ähnlich sieht. Um den Mord aufzuklären, schlüpft sie in die Rolle des Opfers – Lexie -, um in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Zurück nach Whitethorn House, dem alten Landhaus, in welchem die Tote mit vier Studienkommilitonen lebte. Was verbindet sie mit Lexies Schicksal? Fazit: Wieder einmal saugt mich Tana French ab der ersten Seite in ihre Welt – diesmal in eine schwermütige, traumhafte und verzauberte Landhausidylle, in der sich fünf Sonderlinge ihr privates Paradies geschaffen haben. Je tiefer man in diese Traumwelt eintaucht, desto härter trifft dann schließlich der Moment, als der Vorhang fällt und das Dunkel hinter der Fassade hervorschimmert. Tatsache – schließlich hing ich so tief in dieser Geschichte drin, dass mich das Ende zu Tränen rührte.

[x] a book with magic: Bücher, in denen Magie eine Rolle spielt, finden sich mehrfach auf meiner Liste. In diesem Fall habe ich mich für „Wächter der Nacht“ von Sergei Lukianenko entschieden, dem wohl bekanntesten Roman in Russland, der später auch verfilmt wurde. Es ist ein klassischer Gut-Böse/Hell-Dunkel Roman, in dem es um „die Anderen“ geht, also Wesen mit übersinnlichen Fähigkeiten, die unter den Menschen leben. „Die Anderen“ teilen sich auf in die Tag- und die Nachtwache, zwei verfeindete Gruppen, die um das Gleichgewicht von Gut und Böse in der Welt ringen. Schauplatz des Romans ist Moskau, der Protagonist Anton ein Anderer der Nachtwache, der im Laufe der Story so einige Katastrophen verhindern muss. Fazit: Ein interessant geschriebener Roman, der eine alte Thematik neu bearbeitet. Das russische Setting und die dazu passende Schreibweise haben mir gut gefallen. Ich werde bestimmt noch die Folgeromane der Wächter-Reihe lesen.

[x] a book by an author you’ve never read before: Eine Autorin, die schon länger auf meiner To-Read-Liste stand, ist Rebecca Gablé, die bereits gefühlte 200 historische Romane auf den Markt geworfen hat. Angesichts der überwältigenden Bibliografie griff ich wahllos zum Roman „Das Lächeln der Fortuna“. Er erzählt die Geschichte von Robin, der sich im England des 14. Jahrhunderts von einem besitzlosen Jungen bis an den Hof des Duke of Lancaster kämpft. Doch sein Weg ist gespickt mit Schicksalsschlägen und immer wieder wird er von seiner Vergangenheit eingeholt…Fazit: Da ich historische Romane gerne lese, hat mir auch diese Geschichte gut gefallen. Sie war unterhaltsam und atmosphärisch geschrieben. Was mich störte, waren jedoch die etwas schwach ausgearbeiteten Charaktere, die oftmals sehr eindimensional daherkamen. Das hat die Geschichte an vielen Stellen vorhersehbar gemacht. Nach dem „Lächeln der Fortuna“ bin ich mir noch nicht so sicher, ob ich weitere Bücher von Gablé lesen werde, oder doch lieber bei Ken Follet und Co. bleibe.

[x] a book that takes place in your hometown: Auf dieses Buch hatte ich mich schon lange gefreut: „In Nomine Diaboli“ von Monika Küble und Henry Gerlach, ebenfalls ein historischer Roman, der zur Zeit des großen Konzils (Anfang 15. Jahrhundert) in meiner Heimatstadt Konstanz spielt. Protagonist ist der Bäckersgeselle Cunrat Wolgemut, der während des monatelangen Großereignisses in der Stadt Geld verdienen möchte. Doch statt Brötchen zu backen, gerät Cunrat immer wieder in Schwierigkeiten und „stolpert“ kurz darauf auch schon über einen ersten Toten (der nicht allein bleiben soll). Gemeinsam mit seinem italienischen Bäckersfreund Giovanni und dem Humanisten Poggio Bracciolini macht er sich auf, das Geheimnis um den Konzilmörder zu lüften…Fazit: das Buch stand lange in meinem Regal, da mich seine knapp 800 Seiten etwas einschüchterten. Das Lesen hat sich aber hundertprozentig gelohnt. Im Buch lernt man viel über die politischen, religiösen und gesellschaftlichen Hintergründe des großen Konstanzer Konzils und das Leben am Bodensee im 15. Jahrhundert. In diese Fakten ist geschickt die fiktive Kriminalgeschichte eingewoben und schnell taucht man ein in die stinkenden Gassen von Konstanz, in denen es von zwielichten Gestalten nur so wimmelt. Als „Ortskundige“ habe ich viele Schauplätze der Geschichte wiedererkannt, was ebenfalls sehr faszinierend ist. Dieser Roman hat wirklich Spaß gemacht!

Momentan stehe ich also bei 13/50 Büchern…wenn ich die 50 dieses Jahr noch voll kriegen soll, muss wirklich ein Wunder geschehen! Aber Spaß macht es auf jeden Fall. ;)

Umzug und Zwischenstand der „2015 Reading Challenge“ – Teil 1

Liebe Leserinnen und Leser,

da meine alte Heimat-Plattform blog.de zum Ende diesen Jahres die Schotten dicht macht, habe ich mich kurzerhand entschlossen, mit Sack und Pack zu WordPress umzuziehen. Bisher bin ich sehr angetan, da WordPress sehr viele Möglichkeiten bietet, seinen Blog zu gestalten. Ich hoffe, das neue Erscheinungsbild und auch der neue Name – Buchbude – gefällt euch!

Ende letzten Jahres habe ich in einem Eintrag die „2015 Reading Challenge“ erwähnt, die ich im Internet gesehen habe. Inzwischen habe ich 13 der insgesamt 50 vorgegebenen Bücher abhaken können und bin aktuell bei Nummer 14. Dass ich alle 50 Bücher bis Ende des Jahres gelesen haben werde, ist wahrscheinlich etwas utopisch, aber die Herausforderung macht auf jeden Fall Spaß und inspiriert dazu, auch mal Bücher in die Hand zu nehmen, die man sonst vielleicht wieder zurück ins Regal gestellt hätte. Hier ein kurzer Überblick der ersten sieben Bücher mit Fazit zu den bisher gelesenen bzw. gehörten Texten:

[x] A book that became a movie/ [x] a book with nonhuman characters / [x] a book by a female author / [x] a book set in high school: Per Hörbuch habe ich mich an die „Biss“-Reihe von Stephenie Meyer gewagt. Da es vier Teile waren, habe ich natürlich auch vier Häkchen gesetzt ;) Voller Vorurteile und Zweifel stürzte ich mich in die dramatisch-wehleidige Geschichte von Bella und Edward und wurde…natürlich bestätigt. Zwar packte mich die Geschichte bei der Hälfte des zweiten Teils, aber allzu oft entlockten mir die simple Sprache, platten Dialoge und irritierend handelnden Charaktere Kopfschütteln. Fazit: Die Geschichte war unterhaltsam und manchmal sogar spannend, an sich jedoch einfach platt, lieblos und niveaulos geschrieben. Sorry, Stephenie!

[x] a mystery or thriller: Ebenfalls als Hörbuch habe ich mich hier für „Das verlorene Symbol“ von Dan Brown entschieden. Die Geschichte – ein irrer Freimaurer glaubt, durch das Entschlüsseln eines Codes zur Gottheit aufzusteigen und wer muss ihm helfen? Richtig, Robert Langdon – ist irgendwie typisch Dan Brown, man kennt die Thematik aus seinen zahlreichen anderen Romanen. Fazit: Irgendwie alles nichts Neues, trotzdem schafft es der Autor immer wieder, eine mitreißende und spannende Atmosphäre zu schaffen. Diese wird im Hörbuch durch passende Musik noch verstärkt und hat mir so einige Zugfahrten verkürzt.

[x] a book set in a different country: Hier habe ich mich für „Die Melodie der Walnuss. Chefinspektor Falks Hexenfall“ von Peter Bergmann entschieden. Dieser Krimi spielt in Österreich und handelt von einem Ermittler, der es mit einem Serienmörder zu tun hat, welcher seine Opfer jahrelang gefangen hält, bevor er sie grausam hinrichtet und der Öffentlichkeit „präsentiert“. Dabei will er scheinbar auch eine rätselhafte Botschaft übermitteln… Fazit: Ich habe das Ebook gratis bei Amazon heruntergeladen und nicht allzuviel erwartet. Trotzdem war die Geschichte gut durchdacht und ansprechend geschrieben. Mittlerweile kostet das Ebook wieder ca. 8€, ein Kauf lohnt sich meiner Meinung nach aber, wenn man auf Krimis mit urigen Gestalten und einer Prise Mystery steht.

[x] a book from an author you love that you haven’t read yet: Ich LIEBE Bücher von der irischen Schriftstellerin Tana French – meiner Meinung nach ist sie eine der besten Krimi-Autorinnen, die es momentan gibt. So wagte ich mich voller Vorfreude Anfang des Jahres an ihren Roman „Sterbenskalt“ und wurde wie immer nicht enttäuscht. Es ist Frenchs dritter Roman und rückt dieses Mal den Undercover-Ermittler Frank Mackey in den Fokus. Dieser stammt aus dem Problemviertel Faithful Place in Dublin, einem Ort voller Perspektivlosigkeit und Tristesse. In seiner Jugend will Mackey diesem Ort und seiner Problemfamilie entfliehen und plant mit seiner ersten großen Liebe Rosie die Flucht nach England. Doch Rosie erscheint in der verabredeten Nacht nicht am Treffpunkt und scheint allein durchgebrannt zu sein. 22 Jahre später wird jedoch Rosies Koffer gefunden – in einem Abbruchhaus nur wenige Meter von dem damaligen Treffpunkt entfernt. Mackey kehrt zurück an diesen dunklen Ort, um das Geheimnis um Rosie endlich zu lüften… Fazit: Ich liebe, liebe, liebe Tana French! Von der ersten Seite an zieht die Geschichte den Leser in ihren Bann und lässt ihn auch nach der letzten Seite nur widerwillig gehen. Die Atmosphäre und die Geschehenisse hallen auch nach dem Ende der Geschichte noch lange nach. Nur selten erlebe ich es bei Büchern, dass sie mich so dermaßen einsaugen. Tana French schafft es jedes Mal. Absolute Weltklasse.

 

Den zweiten Teil gibt es dann im nächsten Post. Vielen Dank für’s lesen :)

 

Peter Høeg – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Smilla Jaspersen ist eine Frau um die Dreißig, die Tochter einer Inuk und eines prominenten dänischen Arztes. Aufgewachsen in der ursprünglichen Natur Grönlands, die beherrscht wird von den unendlichen Facetten von Schnee, Eis und Meer, findet sich Smilla seit dem frühen Tod ihrer Mutter in ihrer neuen europäischen Heimat Dänemark nur schwer zurecht. Zu groß sind die Unterschiede in Tradition, Kultur, Denkweise und Wahrnehmung der Grönländer und Dänen. Smillas Inuit-Wurzeln separieren sie von den Menschen in ihrer Umgebung, die so ganz anders sind als sie selbst.
Nur einem Jungen in ihrer Nachbarschaft, Jesaja, ebenfalls Grönländer, gelingt es einen Weg in Smillas einsames Herz zu finden.
Als Jesaja eines winterlichen Tages tot neben dem Dach eines Lagerhauses aufgefunden wird, macht sich Smilla, getrieben von Trauer und Misstrauen, auf die Suche nach der Wahrheit. Denn mit dieser hat die Erklärung der Polizei – angeblich ein Unfall – nur wenig zu tun. Mit ihrem untrüglichen Gespür für Schnee und der Fähigkeit, diesen wie ein Buch zu lesen, stößt sie auf Spuren, die den dänischen Ermittlern entgangen sind. Nach und nach wird Smilla in einen Fall hineingezogen, der sich bis in die höchsten Kreise der dänischen Wissenschaftlerszene ausdehnt und sie und die Menschen in ihrer Umgebung in große Gefahr bringt.

Der Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, geschrieben 1992 von dem Dänen Peter Høeg, stand schon lange auf meiner Bücherliste. Dennoch sollte es bis zum Weihnachtsfest 2013 dauern, bis ich das Buch endlich in Händen halten, und weitere sechs Monate, bis ich es gelesen haben sollte.
Eingefangen wurde ich bei diesem Buch schließlich weniger von der Geschichte, die teilweise eher schleppend voran geht und mich mit den vielen auftretenden Personen oftmals auch verwirrt hat, als vielmehr von der einzigartigen Stimmung. Der Roman gilt als Krimi oder sogar als „literarischer Thriller“ (Zitat Klappentext), ist dafür aber sehr ruhig und unaufgeregt geschrieben.
Beeindruckend ist die feinsinnige Erzählweise, mit der Smillas Weg in der Ich-Perspektive geschildert wird. Thematisiert wird auf vielen Ebenen das Hin- und Hergerissensein der Protagonistin zwischen der Kultur der Dänen und ihren eigenen, grönländischen Wurzeln. Auch geht es um den grundsätzlichen Konflikt zwischen Grönländern und Dänen – letztere unterdrückten als einstige Kolonialmacht das Volk der Inuit. Dieser gesellschaftliche Bruch zieht sich durch das gesamte Buch, denn Smilla muss auch in ihrer Gegenwart nach wie vor gegen Rassismus und Diskriminierung seitens ihrer dänischen Mitbürger kämpfen. Dies tut sie jedoch auf eine ganz eigene Art und Weise – mit ihrem einzigartigen Charme, ihrer ruppigen Unangepasstheit und gleichzeitig unaufgeregten, zarten und verletzlichen Seite bahnt sich Smilla Jaspersen ihren Weg durch eine Gesellschaft, die jemanden wie sie mit allen Mitteln außen vor lassen möchte.

Alles in allem ist „Smillas Gespür für Schnee“ ein sehr hochwertig geschriebener und vielschichtiger Roman, der die unterschiedlichsten Themen in sich vereint: Wissenschaft, Politik, Spannung, Gesellschaftskritik und sogar eine leise, vorsichtige Liebesgeschichte.

Peter Høeg: „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, rororo, 9,99€€

Jack Ketchum – Amokjagd

Neulich habe ich mich mal wieder an einen Psycho/Horror-Krimi gewagt: Jack Ketchums „Amokjagd“. Ich bin kein Fan von dieser Art von Literatur, genauso, wie ich mittlerweile auch Filme oder Computerspiele ablehne, die einfach nur um des Effektes Willen besonders brutal und blutrünstig sind.

Jack Ketchum ist ein populärer Autor aus den USA und laut Klappentext zählen seine Horrorromane „unter Kennern neben den Werken von Stephen King oder Clive Barker zu den absoluten Meisterwerken des Genres.“ Ein hochgelobter Mann also.
Als ich „Amokjagd“ in die Hand genommen habe, war ich also hin- und hergerissen zwischen meiner persönlichen Einstellung und den so himmelhoch jauchzenden Kritiken.

Die Geschichte des Romans ist jedoch – wie zu erwarten? – schnell erzählt. Wayne Lock ist ein amerikanischer Kleinstadt-Psychopath, der die Menschen um sich herum hasst und jeden auf seine geheime Abschussliste verfrachtet, der ihn nur ein bisschen zu schief anschaut. Eigentlich würde er gerne Massenmörder sein, aber er ist bedauerlicherweise ein Feigling.
Bis er Carole und Lee trifft. Die beiden sind ein Liebespaar, werden jedoch von Caroles Noch-Ehemann terrorisiert. Nachdem er Carole jahrelang missbraucht und gequält hat, haben die beiden die Nase voll und beenden die Sache hoch in den einsamen Mountains. Zufälligerweise ist jedoch auch Wayne am Ort des Geschehens. Als er den Mord mitansieht, ist er höchst fasziniert von den beiden und hat nur noch ein Ziel: er will Carole und Lee kennen lernen und mit ihnen gemeinsam weitere Menschen töten.
Was er dann auch tut – er entführt das Paar und begibt sich mit ihnen auf eine stundenlange nächtliche „Mords-Fahrt“ quer durch mehrere Bundesstaaten. Gejagt wird das zu 2/3 unfreiwillige Killertrio von dem Polizei-Lieutenand Joseph Rule, einer vor klischees triefenden Kriminalroman-Figur: leicht depressiv, verlassen von Frau und Kind, in psychologischer Behandlung, wenig Schlaf, aber natürlich ein brillianter Ermittler.

Wie sich an der Beschreibung der Geschichte schon ablesen lässt, hat mich der Roman eher gelangweilt als dass er durch außergewöhnliche Spannung aufgefallen wäre. Die Figuren sind eher flach gehalten, selbst der eigentlich unberechenbare Psychopath Wayne, das „Monster“ der Geschichte,  hat mich selten in seinen Handlungen überrascht. Alles wirkt konstruiert und vorhersehbar. Es gibt keinen wirklichen Twist in der Geschichte, der das ganze Geschehen noch einmal von einem neuen Licht zeigen würde. Statt inhaltlich in die Tiefe zu gehen, beschränkt sich der Roman darauf, möglichst detailgetreu darzustellen, wie man einem menschlichen Körper Wunden zufügen kann. Ich bin wirklich nicht zart besaitet, doch einige Schilderungen in „Amokjagd“ ließen mich angeekelt schaudern.
Der Rund 300 Seiten lange Blutrausch liest sich (bis auf die Ekelstellen) sehr flüssig, die Sprache ist einfach gehalten. Eine gewisse Spannung kommt natürlich auf, hält sich jedoch nie lange.

Vielleich liegt es an der Übersetzung, doch in diesem Buch hat mir wirklich vieles gefehlt. Mir waren die Figuren zu vorhersehbar, der Spannungsbogen zu lasch, die Dialoge zu hölzern und so manche Szene zu blutig. Und nach dem Buch war ich nicht schlauer als zuvor. Ich habe keinen Wissens- oder Erkenntnisgewinn aus diesen 300 Seiten mitgenommen – Schade.

„Amokjagd“ ist Unterhaltungslektüre für Blutrünstige, die keinen Wert auf Mehrschichtigkeit oder einen tieferen Sinn in Literatur legen. Warum Ketchum auf eine Stufe mit Stephen King gestellt wird, ist mir nach diesem Roman ein Rätsel.

Jack Ketchums „Amokjagd“ hat 288 Seiten, erschien 2008 im Heyne-Verlag und kostet 8,95€€.
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