Edgar Allan Poe – Der Mann der Menge

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Poes Erzählung The Man of the Crowd erschien im Jahr 1840 und handelt von einem jungen Mann, der nach längerer Krankheit in einem Kaffeehaus in London sitzt und die Menschen auf der Straße beobachtet, bis er plötzlich eines kleinen, mysteriösen Mannes gewahr wird. Dieser erregt seine ganze Aufmerksamkeit und ruft in ihm eine innere Unruhe hervor, die kaum zu bändigen ist. Überstürzt läuft der junge Mann auf die Straße und beginnt, den Fremden durch ganz London zu verfolgen…

Poes Erzählung widmet sich der literarischen Figur des Flaneurs.
Der Flaneur ist in historischer Hinsicht ein aristokratischer Müßiggänger. Er ist von adliger Herkunft, vornehm und meist ein wenig gelangweilt. Deswegen bewegt er sich viel auf der Straße, trägt seine Geisteshaltung nach Außen. Sehen und gesehen werden. Er will sich von der fleißigen, arbeitenden Menge abgrenzen, blickt aus der Distanz auf sie hinab und ist doch Teil von ihr.

Auch Poes Ich-Erzähler ist von dieser Sorte. Er verbringt seine gesamte Zeit im Kaffeehaus, raucht Zigarre und beobachtet die vorbeiziehenden Menschen. Seine Beobachtungsgabe ist dabei bemerkenswert gut – gekonnt teilt er die wabernde, undurchdringbare Masse an Menschen in komplexe gesellschaftliche Schubladen ein. Er tut dies mit einer großen Sicherheit. Nichts kann ihn überraschen, kein Individuum in der städtischen Menschenmasse fällt durch sein soziologisches Raster. Der junge Flaneur überblickt die Situation, er ist in der Lage, die Stadt und ihre Bewohner zu „lesen“.
Bis er plötzlich des alten Mannes gewahr wird. Dieser drängt sich rücksichtslos und entschlossen durch die Menge und scheint in keine der Schubladen zu passen. Er ist klein, schmächtig, hässlich, sonderbar. Seine Kleidung ist abgetragen, doch trotzdem fein. Unter dem Mantel blitzen verborgen ein Diamant und ein Dolch.
Der Fremde erweckt im jungen Mann gespaltene Gefühle: seine scheinbar grausige Erscheinung schreckt ihn ab und lässt in ihm Bilder des Teufels hochkommen. Andererseits weckt er wiederum eine unbändige Neugier in ihm: „‚Welch eigenartige Geschichte‘, sagte ich zu mir selbst, ‚ist in diesen Busen eingegraben!'“
Der junge Mann verlässt überstürzt das Kaffeehaus, um dem Fremden zu folgen. Er will ihn verstehen, durchschauen. Er will ihn „lesen“.

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, etwas herausfinden zu müssen. Ein Gedanke, eine Idee, eine Frage, die uns nicht mehr aus dem Kopf geht und die es weiterzuführen oder zu ergründen gilt. Man könnte es Hingabe nennen, oder Leidenschaft für eine Sache. Wenn das Gefühl uns beginnt zu beherrschen, sprechen wir sogar von Besessenheit.

In Der Mann der Menge steigert sich die anfängliche Neugierde des jungen Erzählers bis zu ebendieser Besessenheit, während er dem geheimnisvollen Fremden die ganze Nacht und den folgenden Tag ohne Pause durch die Straßen Londons folgt. Er scheut weder Kälte, Nebel, Regen noch sein nicht ganz abgeklungenes Fieber. Er eilt dem alten Mann von Platz zu Platz, von Stadtteil zu Stadtteil nach – immer hin zu neuen Menschenansammlungen, Festen, Märkten, bis hinab in die erbärmlichsten Armenviertel Londons.

Poe versteht es, die Stimmung des Textes Schritt für Schritt zu verschärfen und den Leser mitzureißen.
Bald möchte man ebenso dringend wissen, was es mit dieser geheimnisvollen Figur auf sich hat, wo sie hinwill, und warum sie ohne Unterlass durch die Menschenmenge eilt. Man feuert den Erzähler an, der mittlerweile völlig erschöpft und verzweifelt versucht, Schritt zu halten.

Doch irgendwann ist seine Kraft am Ende und ein ebenso unerwartetes wie offenes Resümee beendet die Erzählung:
„Und als die Schatten des zweiten Abends niedersanken, ward ich todmüde und stellte mich dem Wanderer kühn in den Weg und blickte ihm fest ins Antlitz. Er bemerkte mich nicht. Er nahm seinen traurigen Gang wieder auf, indes ich, von der Verfolgung absehend, in Gedanken versunken zurückblieb. ‚Dieser alte Mann‘, sagte ich schließlich, ‚ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge.“

 

Nachzulesen bei: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2285/1
Bildquellen:
Edgar Allan Poe: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Edgar_Allan_Poe_portrait_B.jpg
The Man of the Crowd: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/27/Poe_the_man_of_the_crowd_clarke.jpg

Uwe Timm – Heißer Sommer

Uwe TimmTitelbild Heißer Sommer

Uwe Timms Heißer Sommer habe ich im Januar im Rahmen eines Seminars zum Thema Literatur und Engagement um 1968 gelesen. Das Seminar befasste sich des Weiteren mit Texten von Sartre, Adorno, Walser oder Enzensberger und versuchte, die verschiedenen literarisch-politischen Diskurse in der damaligen BRD wiederzuspiegeln.

In Heißer Sommer geht es um den jungen Studenten Ullrich, der in München lebt. Ullrich ist unzufrieden mit sich und seinem Leben, das Germanistik-Studium erfüllt ihn nicht und von seiner Freundin Ingeborg trennt er sich. Auf der Suche nach einem Sinn in seinem jungen Leben kommt Ullrich in Kontakt mit der Münchner Studentenbewegung, die ihn schließlich auch in die Hamburger Szene führt. Ullrich scheint endlich einen Grund gefunden zu haben, morgens aufzustehen und stürzt sich in die studentische Widerstandsarbeit. Diese führt ihn zudem mit den verschiedensten Personen zusammen: da ist beispielsweise der wortgewandte Petersen, der erst Sprecher des SDS ist, sich später jedoch von der Bewegung abgrenzt und ein Arbeiterleben führt. Der radikale Conny, der am liebsten zur Waffe greifen würde, um seine Positionen durchzubringen. Oder Erika aus wohlhabendem Hause, die ihre politische Meinung je nach Liebhaber ändert und nie wirklich Stellung bezieht.

Zwischen all diesen verschiedenen Gestalten der Münchner und Hamburger Studentenbewegung befindet sich Ullrich. Begeistert geht er zu Demonstrationen und Kundgebungen, radikalisiert sich zunehmend. In der Szenekneipe Cosinus und im „Keller“ lernt er weitere Mitstreiter kennen, diskutiert und plant. Ullrich, der in seinem alten Leben in München ein antriebsloser, unzufriedener Mensch war, findet Beschäftigung und Befriedigung im Vollzeit-Aufbegehren.
Doch er ist auch ein selbstkritischer und reflektierender Mensch. Er sucht Zuflucht und Anerkennung bei der Studentenbewegung, beginnt jedoch, sie zunehmend zu hinterfragen und zu kritisieren. Nach dem rastlosen und unglücklichen Ullrich im ersten Teil des Buches und dem radikalen und aktiven Ullrich im zweiten Teil, lernt der Leser nun langsam den kritischen und nachdenklichen Ullrich kennen.
Letztendlich scheint ihm auch das Leben als radikaler Student nicht das zu geben, was Ullrich sich vom Leben erhofft hat. Als sich seine „Kommunen“-artige WG schließlich dazu entschließt, als vegetarische Selbstversorger auf einen Bauernhof zu ziehen (übrigens eine sehr unterhaltsame Episode des Buches), bricht Ullrich endgültig seine Zelte in Hamburg ab und macht sich auf den Weg zurück nach München, in sein altes Leben, welches er damals so überstürzt und unabgeschlossen zurückgelassen hat. Und auch die frühere Idee, Lehrer zu werden, erscheint ihm plötzlich gar nicht mehr so spießig…

Heißer Sommer ist ein moderner Bildungsroman, wie man ihn aus Klassikern wie Wilhelm Meisters Lehrjahre oder Demian kennt. Der Protagonist zieht hinaus in die weite Welt, erlebt Abenteuer in der Fremde und kommt schließlich doch wieder nach Hause zurück, um ein „ordentliches“ Leben zu führen. Unterstrichen wird diese Struktur auch durch eine klare Dreiteilung der Geschichte. Am Ende werden alle aufgenommenen Fäden wieder zusammengeführt und ergeben ein hübsches, rundes Gesamtpaket.

An Uwe Timms Roman ist nicht wirklich etwas auszusetzen: in sehr einfacher und klarer Sprache schildert er die Geschichte eines jungen Mannes in den späten 60er Jahren, der seinen Platz in einer sich wandelnden Gesellschaft sucht. Das Buch liest sich schnell und flüssig, nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn sicher und bequem durch die Geschichte.
Zudem finde ich es als Teil einer Generation, die die 68er höchstens als Woodstock-Hippies oder RAF-Terroristen kennt, sehr interessant und lehrreich, etwas über die damalige Studentenbewegung in Deutschland zu erfahren. Denn dies ist dem Roman ebenfalls nicht abzusprechen: es stellt die damaligen Ereignisse und die herrschende Atmosphäre authentisch und wirklichkeitsnah dar, skizziert die verschiedenen in der Gesellschaft herrschenden Positionen. Zugleich wahrt er aber auch seine Objektivität und drängt dem Leser keinen politischen Standpunkt auf. Vielmehr werden durch die kritischen Augen des Protagonisten hindurch die Vor- und Nachteile der damaligen Bewegung dargestellt.
Bedauerlicherweise wimmelt es in Timms Roman jedoch auch von Klischees und Archetypen. Es scheint, als stelle jede auftretende Person eine bestimmte Position dar. Der Konservative, die Mitläuferin, der meditierende Vegetarier, der Radikale, der Geläuterte – alle sind sie da und springen dem Leser förmlich entgegen. Die viel zu platte Darstellung einer vielschichtigen Bewegung ist hier eindeutig zu kritisieren und störte mich sehr beim lesen.

Insgesamt ist Uwe Timms Heißer Sommer jedoch jedem zu empfehlen, der sich fernab der Sachliteratur einen unterhaltsamen und kurzweiligen Eindruck der deutschen Studentenbewegung um 1968 machen möchte und keine zu hohen literarischen Ansprüche daran stellt. Sprachlich und stilistisch ist das Buch sicherlich kein Meisterwerk, doch die sehr athmosphärische Darstellung lässt den Leser schnell in die Geschichte eintauchen und bietet ein objektives, politisch ungefärbtes Bild der damaligen Zeit.

Timm, Uwe (2012): Heißer Sommer. dtv, München.
9,90€.

Bilder entnommen von: http://www.buecher.de